Warum wir am meisten Angst vor dem haben, wofür wir eigentlich hier sind

Der Moment, über den kaum jemand spricht

Es gibt einen Punkt auf dem Heilungsweg, über den kaum jemand spricht.

Viele Frauen beginnen ihre Reise, weil sie leiden. Weil etwas nicht mehr funktioniert. Weil Beziehungen zerbrechen, der Körper Symptome entwickelt oder das Leben sich plötzlich nicht mehr stimmig anfühlt. Also machen sie sich auf den Weg. Sie gehen in Therapie, besuchen Seminare, lesen Bücher, beschäftigen sich mit ihren Mustern, ihren Prägungen und ihrer Geschichte.

Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges.

Der Schmerz wird weniger.

Die Wunden beginnen zu heilen.

Das Leben wird ruhiger.

Und genau dort taucht eine neue Form von Angst auf.

Nicht mehr die Angst vor dem Schmerz.

Sondern die Angst vor der eigenen Größe.

Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, was mit uns passiert ist. Irgendwann geht es um die Frage, wer wir werden müssen, wenn wir aufhören, uns über unsere Wunden zu definieren. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr beschäftigt sind mit Heilung? Wer sind wir, wenn wir aufhören, uns zu verstecken? Wer sind wir, wenn wir beginnen, den Platz einzunehmen, für den wir eigentlich gedacht sind?


Die Angst vor dem Ruf

Viele Frauen glauben, sie hätten Angst vor dem Scheitern. In meiner Erfahrung stimmt das nur selten. Die meisten Frauen haben viel größere Dinge überlebt als ein gescheitertes Projekt, eine Ablehnung oder einen Fehler.

Was ihnen tatsächlich Angst macht, ist die Vorstellung, dass ihr Ruf echt sein könnte.

Dass sie tatsächlich hier sind, um etwas zu bewegen.

Dass ihre Stimme Gewicht hat.

Dass ihre Medizin gebraucht wird.

Dass sie aufhören müssten, sich klein zu machen.

Wenn Vorbereitung zur Vermeidung wird

Solange wir glauben, noch nicht bereit zu sein, müssen wir nichts verändern. Solange wir glauben, noch eine Ausbildung zu brauchen, noch mehr Heilung, noch mehr Sicherheit oder noch mehr Klarheit, können wir dort bleiben, wo wir sind.

Es fühlt sich vernünftig an. Verantwortungsbewusst. Durchdacht.

Doch häufig ist genau das der Punkt, an dem wir nicht mehr vorbereitet werden, sondern aufgehalten werden.

Es gibt einen Moment auf jedem Initiationsweg, an dem keine weitere Vorbereitung mehr notwendig ist. Einen Moment, an dem das Leben nicht mehr fragt, ob wir genug gelernt haben.

Es fragt nur noch, ob wir bereit sind, einen Schritt zu machen.


Die Tür, die von Angst bewacht wird

Das Problem ist, dass sich dieser Schritt selten sicher anfühlt.

Wir glauben oft, Angst sei ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Dass wir umdrehen sollten. Dass wir noch nicht so weit sind.

Doch meine Erfahrung ist eine andere.

Immer wieder habe ich beobachtet, dass die größte Angst genau dort auftaucht, wo eine Frau an die Schwelle ihrer eigentlichen Bestimmung kommt.

Nicht weil etwas falsch ist.

Sondern weil etwas Bedeutendes vor ihr liegt.

Angst bewacht häufig genau die Tür, durch die wir gehen müssen.


Was auf diesem Weg wirklich stirbt

Vielleicht ist das der Grund, weshalb so viele Frauen jahrelang um ihre Berufung kreisen. Weshalb sie immer wieder dieselben Bücher lesen, dieselben Kurse besuchen und dieselben Erkenntnisse sammeln.

Nicht weil sie den Weg nicht kennen.

Sondern weil sie spüren, dass hinter der nächsten Tür etwas auf sie wartet, das ihr bisheriges Leben verändern wird.

Denn wenn wir unserem Ruf wirklich folgen, verlieren wir selten das, was wir glauben.

Wir verlieren meist nicht uns selbst.

Wir verlieren Anpassung.

Wir verlieren Rollen.

Wir verlieren die Identitäten, die uns Sicherheit gegeben haben.

Wir verlieren die Version von uns, die von allen verstanden wird.

Und genau deshalb fühlt sich dieser Weg oft wie Sterben an.

Etwas stirbt tatsächlich.

Nicht die Frau, die wir sind.

Sondern die Frau, die wir sein mussten, um dazuzugehören.


Vielleicht ist die Angst die Schwelle

Vielleicht besteht die Aufgabe also nicht darin, die Angst loszuwerden.

Vielleicht besteht die Aufgabe darin, zu erkennen, dass die Angst nicht das Hindernis ist.

Vielleicht ist sie die Schwelle.

Vielleicht zeigt sie uns nicht, wo wir umkehren sollen, sondern wo unser nächster Schritt liegt.

Und vielleicht haben wir nicht am meisten Angst vor dem Scheitern.

Vielleicht haben wir am meisten Angst vor dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir tatsächlich die Frau sind, die wir die ganze Zeit gesucht haben.

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